DIRK DARMSTÄDTER:
Dirk Darmstaedters musikalischer Werdegang ließe sich hervorragend zu einem Roman oder einem Film verarbeiten. Als er 1970 als Fünfjähriger mit seinen Eltern nach Teaneck/New Jersey zog, heuerte er bei der grundschuleigenen Lincoln Elementary School Brass Band als erster Trompeter an. Schnell machte er dieselbe Erfahrung, welche auch schon Paul McCartney ein paar Jahre vor ihm gemacht hatte: Trompete spielen und gleichzeitig singen ist, selbst für den talentiertesten Musiker, ein Ding der Unmöglichkeit. Also, Trompete an den Nagel und, wieder in Hamburg, eine Doo Wop Band gründen: „Jay Bee and his Jupitors“.
Wir schreiben das Jahr 1977. Ganz Hamburg glich einem Schlachtfeld. Punks gegen Teds. Fußballfans gegen Popper und alle gegen Doo Wopper. Eine harte Schule. Nach und nach gingen Dirk die Jupitors von der Fahne. Wer will es ihnen verdenken? Wie soll man auch „Diane“, „Sandy“ oder „Laura“ entsprechend würdigen, wenn an der nächsten Ecke schon eine Tracht Prügel wartet? Bariton und Bass wurden Punks, der Tenor wurde zur Bundeswehr eingezogen, die Band war am Ende. Und Dirk? Ließ sich nicht unterkriegen. Mit Gitarre, Schlafsack (im Jargon der damaligen Zeit „Poftüte“) und Interrail-Ticket bereiste er Europa und bespielte als „Freewheelin ́“ Dirk Darmstaedter fortan die Fußgängerzonen und Eckpinten des alten Kontinents. Von Arhus bis Zagreb, von Amsterdam bis Zürich lernte er so das Entertainerhandwerk. Heraus kam eine Ein-Mann-Version von Elvis Costello und Gram Parsons.
Der Rest ist bekannt: 1988 stürmte Dirk zusammen mit den Jeremy Days die Charts und wurde zu einem der großen Stars der 1980er Jahre. Seitdem ist er, ob solo oder mit Band, von den Bühnen der Welt nicht mehr wegzudenken, die er unter anderem mit Künstlern wie Paul Weller, Lloyd Cole oder Brett Anderson teilte. Auf vorliegendem Album scheinen all diese Erfahrungen und Einflüsse verdichtet: Lässt sich der harmonische Satzgesang nicht zu dem Doo Wop der frühen Hamburger Tage zurückverfolgen? Sind die reichlich vorhandenen Bläser eine Reminiszenz an die Lincoln Elementary School Brass Band? Die dominierende Akustikgitarre ein Verweis auf die pre-Jeremy-Days-Interrail-Zeit? Wie dem auch sei: Nach mehreren solo Singer-Songwriter-Alben meldet sich Dirk Darmstaedter mit einem großen Band Popalbum zurück. Me and Cassity sind neben Dirk dieses Mal: Anne De Wolff (Calexico, Neco Case), Martin Wenk (Nada Surf, Wilco, Arcade Fire), welche Harmonium, Streicher, Posaune, Flügelhorn, Trompete und Streicher beisteuerten, sowie Ben Schadow am Bass, Lars Plogschties am Schlagzeug und Nikko Weidemann an Klavier und Keyboards. Am Mikrofon bekam Dirk Unterstützung von seinen schwedischen Freunden Kristofer Aström und Therese Johannson.
Die Zusammensetzung der Band ist auf jeden Fall ein Geniestreich. Hier trafen sich Musiker, die ganz offenbar nicht nur den musikalischen Background teilen, sondern sich auch noch in punkto Spielfreude gegenseitig übertreffen.
APPEARANCES ist ein Album, das so unterschiedliche Einflüsse wie Burt Bacharach, Todd Rundgren und den kalifornischen Countryrock der späten 1960er Jahre vereinigt und dabei raum- und zeitlos klingt. Auf jeden Fall ist APPEARANCES eindeutig Dirk Darmstaedter auf dem (vorläufigen) Höhepunkt seines Schaffens.
DESIREE KLAUKENS:
Der Wagen steht quer auf der Autobahn, der Schlüssel steckt. Desiree Klaeukens kniet daneben und sagt: „Ich hab sie alle erwischt, glaube ich, wenn nicht, du hast ja meine Nummer.“ Dann schiebt sie den
Holzpflock unter den schwarzen Mantel, wischt sich den Schweiß von der Stirn, zieht die Mütze drüber und fährt nach Hause. Auf dem Rücksitz die verschrammte Gitarre, die Waffe, wenn sonst nichts hilft.
Daheim schiebt sie den Riegel vor, kocht Wasser, wirft ein paar Scheite nach, setzt sich auf eine Teekiste und singt für sich selbst: „Der Wolf war ein Hund und alles, was krank war, wird wieder gesund.“
Ich steh immer noch draußen im Niemandsland. Es wird Nacht. In der Ferne leuchtet das Bayer-Kreuz. Ich hab Desis Lieder bei mir. „Was ich jetzt denke, willst du wissen. Was ich weiß, verrate ich nicht.“ Dabei hat sie viel, sehr schnell fast alles verraten, als wir zusammen unterwegs waren.
Dass sie damals unweit von hier Autos zusammengeschraubt und nach sieben Jahren den Goldklumpen gegen eine Gitarre getauscht hat. Wie sie später Post ausfuhr, während Neil Young ihr vorsang: „I gotta get away from this day-to-day running around. Everybody knows this is nowhere.“ Wie sie beschloss, nur noch Musik zu machen. Wie sie mit Bob Dylan, Nick Drake, Leonard Cohen, James Taylor, Carole King, Joni Mitchell und all den anderen die alte weite Welt vom Laurel Canyon bis nach Nebraska an sich vorbeiziehen ließ und fieberhaft Logbuch schrieb. Wie sie auf den Schultern ebenjener Riesen stehend, ihre eigene Stimme fand, die ihr niemand mehr wegnehmen kann. Wie sie Florian Glässing kennenlernte, der mitgejagt, mitgeschrieben und auch auf „Wenn die Nacht den Tag verdeckt“ mitgesungen hat.
Und wie sie schließlich mit diesem Debüt, das sie in Hamburg unter den wachen Augen ihres größten Fans Niels Frevert und mit einer Band, die atemberaubend schön fast nichts spielt, aufnahm, ein neues Haus im Land der Lieder gebaut hat. Neu, weil ernster in der Verzweiflung und klarer in der Hoffnung. Keine Vorhänge, nur Licht. Keine Heizung, nur Feuer.
Wer im Video zu „Warm in meinem Herz“ ihr Zimmer sieht, erkennt darin keinen Gegenstand, der nicht dazu dient, ein Lied zu schreiben. Wenn ich Desiree Klaeukens und ihre Musik mit einem Wort beschreiben sollte, würde ich sagen – es klingt vielleicht doof, aber – krass! Vielleicht hat das was mit ihren vielen Leben zu tun. In „Fallen“, einem meiner Lieblingssongs auf der Platte, singt sie: „Ich bin längst fort und du kommst nicht hinterher.“
Ich laufe am Ortsschild von Leverkusen vorbei. Den ganzen Weg ist mir ein Hund gefolgt. Ich hab ja ihre Nummer.
EMMA LOMGARD:
Musik bedeutet immer auch Suche. Nach dem richtigen Ton, der perfekten Melodie, den passenden Worten – vor allem aber eine Suche nach sich selbst.
Und Emma Longard hat mit ihrer Debüt-EP „Elle“ ein musikalisches Äquivalent zu eben dieser Suche geschaffen.
Die fünf Songs der EP bahnen sich auf bezaubernde Art und Weise einen akustischen Weg vom Leben der Interpretin in die Welt ihrer Zuhörer und verweben Emmas emotionales Schwanken zwischen Selbstzweifel und -sicherheit mit ihrem feinen Gespür für herzergreifende Harmonien und wohl formulierte Gedanken.
Fast wirkt Emma Longard mit ihrem gefühlvollen Indiesoul wie aus der Zeit gefallen. Bestes Beispiel dafür ist die tanzbare Gospelsoul-Ballade „Shoplifter“, für die Emma mit Juli-Gitarrist Simon Triebel zusammengearbeitet hat. Oder das raffiniert arrangierte „Copycat“, in dem die 28-jährige augenzwinkernd mit plump agierenden Macho-Männern abrechnet.Für das Stück „Captain“ hingegen tat Emma sich mit Farhot (Nneka, Patrice, Maxim, Selah Sue) zusammen, der dem Stück im Studio den nötigen Drive verpasste. „In dem Track geht es um Selbstfindung in allen Altersstufen; um das Leben an sich“, erklärt Emma. „Und um Entscheidungen, die einem niemand abnehmen kann.“
Auf ihrer EP hat Emma Longard nun eindrucksvoll bewiesen, dass sie uneingeschränkt in der Lage ist, solche Entscheidungen in musikalischer Hinsicht zu fällen; und dass man, aufbauend auf der akustischen Großartigkeit von „Elle“, wahrlich gespannt darauf sein kann, mit welchen musikalischen Meilensteinen der Weg zu ihrem anstehenden Debütalbum gepflastert sein wird.
Denn Musik bedeutet immer auch Suche. Und Emma Longard hat sich gefunden.
Doch wir sie glücklicherweise auch.